Für Hilfe bitte Alt+F4 drücken.

03.06.2011, 14:06 Uhr | in Romantik und Partnerschaft | 2 Kommentare

Schön, dass Männer immerhin morgens schon fähig sind, Zeitung zu lesen.

“Kann ich dir helfen?” – “Ja.”

Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, mach’ es selbst. Gibt es eine größere zwischenmenschliche Weisheit? Sind wir uns selbst immer die Nächsten, wenn wir den anderen nicht mit Aufgaben belästigen wollen? Ist es zu viel verlangt, gut erzogen zu sein? Nur, weil ich drei Jahre nicht beim Zahnarzt war, heißt das noch lange nicht, dass ich schlechte Zähne habe. Aber, Jungs, wo sind denn eure Manieren geblieben?
Nur, weil man jünger, fitter und vermeintlich fleißiger ist, stellt das noch lang kein Grund dar, euch auf der Fähigkeit anderer auszuruhen.
Nur, weil Mutti euch nicht mehr von hinten über die Schulter schaut, wenn ihr euch ein Nutellabrot schmiert und euch somit niemand mehr auf die Finger haut, wenn ihr mit Anlauf die frisch gewaschenene Tischdecke mit Schmierzeug aller Art beschönt, heißt das noch lange nicht, dass ihr keinen Teller mehr benutzen müsst.
Nur ab einem gewissen Alter erwartet man schlichtweg von euch, dass ihr wisst, wie es geht.


Wie, Rücksichtnahme? Nein, warum, wenn man den kleinen Finger bietet, nimm nicht nur die Hand. Nimm den Arm. Der Gegenüber hat doch noch einen zweiten. Also, erwarte ruhig Hilfe, Mann.

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Niemand

08.07.2010, 00:07 Uhr | in Ziele, Pläne, Hoffnungen | 1 Kommentar

vermisst uns.

Ich fürchte, das sind Sterne.
Ein Blick an den dunkelblauen Himmel ist so laut wie Totenstille und die Welt schläft wie das rauhe Meer. Man könnte laufen und springen, aber es interessiert nicht. Es würde nur eine kleine Weile dauern, bis das Echo verhallt ist. Angelehnt, aufgesetzt, vorbei. Einen Stein kann man tragen, man wirft ihn, er ist weg. Einfach so. Ungekannt. Vielleicht habe ich ihn ja sogar jemandem an den Kopf geworfen, vielleicht einer Grille. Was interessiert, was man heute sorgt.

Wer heute einen Sandkuchen bäckt, der weiß, dass er morgen nicht mehr da ist. Sandkuchenmentalität, sie ist sicher hilfreicher als so manches leere Versprechen. Fahler als ein Pfahl im müden Mondlicht am stummen Salzmeer kann man auf Dächern stehen. Allein sitzen. Morgen den Ausblick teilen. Morgengrau wird bunt, auch wenn der Sandkuchen zerfällt. Alles ist farbenfroh, sei deine Anwesenheitswahrscheinlichkeit 0,3% im Doppelpack oder auch nicht. Viel zu grell ist deine Motivation, zu verschwinden. Keine Sorge, du fehlst hier nicht, wenn deine Anwesenheit andernorts präferiert wird. Das ist wie mit den Antworten - wenn du sie hast, dann behalte sie doch nicht einfach für dich, wenn du weißt, dass ein anderer die passende Frage kennt. Als gäb's kein Morgen. Tausend Farben, tausend Lichter, tausend Farben, tausend Gesichter. Verloren. Der Himmel dreht sich langsam. Hol' der Teufel meine Seele, es gibt kein Morgen mehr. Dann vermisst uns niemand.

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Bist du dick geworden

15.06.2010, 16:06 Uhr | in Freunde | 8 Kommentare

...sage ich zu dir und lache. Die Sonne lacht, aber ich lache mehr.

Dass dies der Anfang vom Ende sei, in aller Einfachheit, ahnte ich nicht. Dein Dreitagestoppelbart betont die kräftiger gewordenen Wangen und auch ein Kneifen in deinen Frühlingshüftspeck ist alles andere als straff. Seit Monaten hat man sich nicht gesehen und das ist ist ungefähr so schön wie der Wetterumschwung diesen Juni.

Wie Regenwetter ans Fenster plätschert, so warfen wir uns Streitigkeiten an den hübschen Kopf, Vergangenheit gewiss, doch Zukunft unklar und düster. Du ersetzt Menschen mit Menschen, als ob sie Bauern auf einem Schachbrett darstellten. Das passt mir natürlich nicht und so mache ich dir die Zeit so angenehm wie Schimmel im Kühlschrank. Während wir so vor uns hingammeln und stinkig aufeinander sind, dreht sich die Welt weiter, denn wer wartet schon auf uns.

"Bist du dick geworden!", sage ich zu dir und lache. Ich stehe hinter dir, die Hände auf deinem Waschbärbauch. Die Sonne lacht, aber ich lache mehr.

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Lebwohl.

02.06.2010, 16:06 Uhr | in Freunde | 3 Kommentare

Weil ich Angst habe vor deiner Reaktion, mache ich nichts, weil du nichts machst. Dieses Gewissen hält mich des nachts nicht wach und beschäftigt mich tagsüber herzlich wenig. Nur, wenn ich abends zu deinem Fenster hochblicke und das Licht nicht mehr scheint, dann ist da dieses Gefühl, dass man Vergangenes nicht wieder gut machen kann, denn verschüttetes Wasser lässt sich nur schwer wieder aufsammeln. Doch es kümmert mich nicht. Es kümmert dich - mindestens gibst du dies vor. Als ob dich seit jeher interessierte, was geworden ist, seit du weg bist. Der Himmel ist noch genau so blau und das Gras so grün wie zu deiner, nennen wir es Abreise.
Manchmal frage ich mich, ob du vor dem Verlassen deiner Menschen Freunden auftrugst, sich um mich zu kümmern, wenn du nicht mehr da bist, denn immer wieder sprechen sie auf meinen Anrufbeantworter, was falsch ist, denn er wird ihnen nie ihre Anrufe beantworten. Nachdem ich vor ein paar Tagen selbigen abhörte, war ganz zum Schluss noch ein Stück der Stimme, die ich dir zuordnete, und so rief ich zurück.
Gleich, was ich hätte sagen wollen, den Adressaten hätte es niemals erreicht. Deshalb mache ich nichts, habe Angst vor deiner Reaktion, du würdest mich nur stehen lassen.


Doch das Leben geht weiter.

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Jetzt!

24.04.2010, 21:04 Uhr | in Blogging | 1 Kommentar

Bist du innerlich zufrieden?
Freundlicherweise teilt mir die anonyme Welt des übergroßen Internets mit, wie du nichtbekannte Pseudorennfahrer an unwichtigen Rennstrecken interviewst - oder zumindest tust du so, denn statt modernem Mikrofon hast du einen gelben hässlichen Klotz in der Hand. Genau so hässlich wie der Klotz ist auch dein unvorhandener Charakter. Werde ich jemals ein Beispiel für die oberflächlichste und arroganteste Haltung brauchen, deine würde mir sofort einfallen. Möglicherweise aber auch jene deiner neuen Trulla, die auf meiner Seite in deinem Bett schläft, in der nichtssagenden Bettwäsche, auf der meine bunten Kringellöckchen viel besser aussehen als ihre getönten schwarzen Schnittlauchmutzeln. Meine sonnengelben Peeptoes leuchten im Schuhregal, davor liegen unachtsam hingeworfen ihre abschreckend hässlichen Pfennigabsatzpumps, deren unansehnliches türkisfarbenes Billigobermaterial nur noch von der daran befindlichen schaurigen Silberschnalle an Hässlichkeit übertroffen wird. Verheerenderweise springst du immer und immer wieder in dasselbe lachhafte Beuteschema von vermeintlich formidabel fantasielosen Arroganzkamelen.

Dein unverdienter Sieg über mein Kaltherz heute, mein beruflicher Triumph über deinen miesen Schulabschluss morgen. Wütend, garstig und rabiat wird die Verdrossenheit sein, die dich in deiner ehemaligen Heimat erwartet - denn ich habe sie okkupiert. Ohne dich zu fragen. Oh, ich bin ein maliziöses Mädchen.
Mit Recht.

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Du bist alles

09.04.2010, 22:04 Uhr | in Freunde | kein Kommentar

Ich weiß nicht wohin und ich weiß nicht warum, aber es ist schön, dich nach einem gewitterhaften Konflikt mit Sturmregen und Donnergeblitz wieder in den Arm nehmen zu können. Du wehrst dich, gibst auf, lässt es einfach geschehen. Dein vertrauter Duft ist wie Wohlklang in meinem Ohr. Es war wie blind sein, doch plötzlich kann ich dich sehen.

Alte Komplimente verteilst du, als ob die Zeit vor kurzem nicht eine Stunde vor, sondern ein Jahr zurück gedreht worden sei. Weißt du noch, damals, als ich in meinem schönsten Kleid die Küche putzte und du meinem Rock hinterherschautest, wenn ich ging? Sollte ich dir jetzt oder irgendwann eine Liebeserklärung machen, auf welche du schon seit einer halben Ewigkeit wartest, selbst auf dem Sterbebett würde ich es leugnen. Es ist das, was du wolltest, was ich dir aber nie gönnen werde. Ich liebe dich nicht, ich hasse dich nicht. Wer fragt, was das für ein Ding ist zwischen uns ist, bekommt ein pubertäres Grinsen von mir. Dir zu widerstehen, ist einem Mädchen wie mir undenkbar. Was du willst, bekommst du. Und mehr. Und eine ganze Menge blöder Kommentare auch dazu.  Und einen Platz in meinem Herzen.

Sollte ich einmal in die Verlegenheit gelangen, auf einer einsamen Insel mit einer Person meiner Wahl ausgesetzt zu werden, würde ich keinesfalls dich wählen - schließlich will ich dir eine schöne Karte senden! Sand drauf als Briefmarke, rein in eine Flasche und ab ins Meer geworfen, so, wie ich dir täglich meine Gedanken hinterher werfe - doch die kommen ebenso an, wie es einer Flaschenpost täte
.

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Eigenkritik

21.03.2010, 23:03 Uhr | in Religion und Philosophie | 1 Kommentar

Es fällt mir schwer, einen Artikel, der länger als eine halbe Seite ist, in einer Zeitschrift aus Papier zu lesen.
Statt in ein Café zu gehen, führe ich mit meinem hübschen Nachbarn Videochat, denn dafür muss keiner von uns aus dem Bett aufstehen, man muss es sich ja nicht schwerer machen, als es ist.
Samstags gehe ich nicht in die 24-Stunden-Bibliothek zum Lernen, sondern bleibe zu Hause, weil ich sofort per Mail benachrichtigt werde, wenn mir jemand in irgendeiner Community ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Ich bin Anfang zwanzig und so ziemlich das, was die meisten meiner Generation sind: Gesellschaftsunfähig.

Wir studieren Fächer, die unsere Eltern nicht einmal aussprechen können. Erreichbarkeit 24/7 ist an der Tagesordnung, warum hast du mir nicht auf die Mail heute morgen geantwortet? Moderne Medien schaffen Arbeitsplätze. Und wenn ich überlege, was ich alles in diesen jetzt schon viel zu langen Text (schließlich klicken wir uns ständig von a nach b ohne wirklich bis zum Ende gelesen zu haben) schreiben will, dann sehne ich mich nach der neunten Klasse: Deutschunterricht. Wir lernen argumentieren. Argumente können eingeteilt werden, es gibt verschiedenste Typen. Vom Faktenargument über das Autoritätsargument bis hin zum Erfahrungsargument. Danach kann man Argumente wichten. Je nach dem, ob man eine lineare oder dialektische Erörterung verfassen möchte, nutzt man die gefundenen Argumente entweder in auf- oder absteigender Wichtigkeit. Dafür muss man nämlich erst suchen, dann überlegen und zuletzt formulieren! Ich gelobe Besserung und fange an: Morgen. Auf Papier. Gute Nacht!

Denn ich sollte jetzt seit über einer Stunde auf dem Sofa des Kumpels eines Freundes sitzen - ein Glas Wein in der Hand zusammen Film schauend. Wie ein solcher Abend ausgehen würde, benötige ich dem geneigten Leser nicht mundhäppchengerecht zu servieren. Zumindest würde ich es morgen kurz vor knapp schaffen, ein bisschen zerzaust und dennoch pünktlich an meinem Arbeitsplatz zu sitzen. Nur warum nicht? Ich kann es nicht. Stattdessen liege ich unvorzeigbar am Kopfende meines Bettes zwischen dreckigem Abendbrotsgeschirr und leergegessenen Keksschachteln, daneben eine viertelvolle Flasche stilles Wasser. Ich habe Angst, von Menschen gesehen zu werden. Dabei schenkt mir jeder an der Straßenbahnstelle zumindest für einen halben Moment seine Aufmerksamkeit - dank langer lockiger Haarmähne  und einer knallig-orangefarbenen Jacke.
Aber auf einem Sofa sitzen, wohlmöglich nur zu zweit, das kann ich nicht. Da muss man Erwartungen erfüllen, gut aussehen und interessante Dinge über sich und die Welt erzählen. Somit lehne ich das außerordentlich gute Angebot eines attraktiven Mannes in einem noch attraktiveren Alter ab - und sinne darüber, seit nunmehr einem Jahr allein durch die Welt zu stiefeln.

Es ist eine Welt, die ich mag, aber vor der ich Angst habe. Wer will schon eine echte junge Frau mit Ecken und Kanten mitten im Persönlichkeitsfindungswahn, wenn er genau so gut viel schneller zehn andere eindimensionale idealisierte Mädchen aus dem Internet anschreiben kann? Jeder!, denkst du dir, Leser, aber denk mal darüber nach: Du belügst dich. Schließlich fängst du ja auch morgen mit der Diät an, nicht heute.

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Wege zur Straßenbahn

02.03.2010, 12:03 Uhr | in Allgemeines | 1 Kommentar

Es ist anders, ohne das Gewissen. Das Wissen, dass jemand wartet, wenn man nach Hause kommt. Jemand, dem es ein Lächeln auf die Lippen bringt, wenn man in der Tür steht, mit matschverschmierten Schuhen und regennassen Haaren. Eine Umarmung ist dann wie der erste Sonnenschein mitten im Februar nach einem schneereichen Winter. Nicht solcher, welcher Schneeflöckchen blitzen lässt, sondern jener, der die Kälte nimmt und vom Anblick auf einen Spaziergang im Sommerkleid einlädt.

Ich muss nicht einmal meine Augen schließen, um mir die farbigsten Gedanken an dieses Treppenhaus voller Tristesse auszumalen. Wie du dort stehst, mit verschlafenem Blick, als ob dich noch immer Träume jagen würden, in einem Shirt, dass noch aussieht, als läge es noch auf dem Sofa. Fehlender Putz, abgerissene Tapete, graue Wände und dennoch ist der Moment so lebensvoll, dass ich Buntstifte nehmen möchte, um deine Flurwände anzumalen, schlichtweg die eigenen Erinnerungen in wärmster Hülle zu kolorieren.

Plätzchenformen möchte ich nehmen, Momenten einen Rahmen geben, in kindliche Formen zwängen, fixieren und mit rotem, blauen, gelben und grünem Zuckerguss verzieren. Dann suche ich mir die schönsten aus, lege sie in eine Kiste und warte, bis die Gedankenplätzchen steinhart und alt sind, doch haben sie immernoch Farbe. Und wenn ich vorsichtig daran kratze, und probiere, sind sie immernoch süß.

 

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Zeit heilt alle Wunden

18.02.2010, 01:02 Uhr | in Träume und Übernatürliches | 1 Kommentar

„Die Zeit heilt alle Wunden, schon nach wenigen Jahren. Das nichts bleibt, als ein paar Stunden und Narben da, wo Wunden waren.“
Ich liege neben dir und führe dieses Gespräch mit dir, in dem ich dir sage, dass ich nicht wegen dir mit ihm Schluss gemacht habe, sondern wegen diesem Vorfall. Dieser Abend im Spätwinter, als ich mit dem Auto unterwegs war, er saß neben mir, wir sollten zwei seiner Verwandten vom Geburtstag seines Onkels abholen. Dass er Geburtstag hatte, erfuhr ich erst kurz vor der Ankunft.

Wir standen Rücken an Rücken, im Streit, die Finger am Abzug, bereit, voneinander weg zu gehen, jeden Moment gespannt, sich umzudrehen, zu schießen, zu überleben. Unsere Beziehung war wie ein Fisch, der ans Ufer geschwemmt wurde, in den letzten Atemzügen. Er stieg aus dem Auto, ging ins Haus, ließ mich im Auto sitzen. Warum ich ausstieg, ist mir verschwommen. Ich betrete das Haus seines Onkels und dessen Frau, die immer nett zu mir war, immer gepflegt, immer redselig und irgendwie schienen wir auf derselben Wellenlänge. Ich hörte gern ihre Geschichtchen. Beinahe so gern, wie gern sein Onkel mich mochte. Das erste Mal sahen er und ich einander, als sein Neffe volljährig geworden ist. Oder war es der Geburtstag davor? Gleich, zu sehr mag ich nicht mehr darüber nachsinnen. Bereits zur ersten Begrüßung kniff er mich in die Wage. jetzt betrat ich zu seinem Geburtstag sein Haus, unvorbereitet, zerzaust. Eigentlich wollte ich nur den Fahrdienst hinter mich bringen, die Leute einsacken, anschnallen, losfahren.

Was sein Onkel sagte, ist mir heute egal, doch er tat etwas, das mich herunterriss. Er wusste Ansätze, worum es ging, doch unternahm er in just jenem Moment: Nichts. Einmal hatten wir eine Diskussion, saßen beide auf dem Boden. Es war mir zu viel. Weinend stand ich auf. Weit kam ich nicht. Er hielt mich fest, am Hosenbein. Ich zerrte, riss, schrie, weinte, befreite mich gegen ihn, der viel kräftiger als dieses Mädchen war, rannte fort. Noch nie zuvor hatte ich die Schule panisch und heulend verlassen.
Bei der Klärung dieses Konfliktes versuchte ich ihm, mit gemeinen Metaphern zu erklären, worüber ich nicht reden konnte. Noch nie geredet habe. Nie reden werde. Jetzt liege ich neben dir, führe mit dir dieses Gespräch. Will dir erzählen, wie es war. Dieser Vorfall mit seinem Onkel, er vergegenwärtigte mir die Erinnerungen an zuvorgegangene Zwischenfälle: Der letzte am 2. Juni des Vorjahres. Vier Minuten Zugfahrt, beim Einsteigen Resignation, mein Freund fände mich körperlich nicht mehr attraktiv, er hat eine andere deswegen. Vier Minuten bis nach Hause. Vier Minuten, die mich degradierten, zum Objekt, körperliche Bedürfnisse auszutoben. Vier Minuten, respektlos vor meiner Seele. Was mich erinnerte an den Grund, warum ich Vertrauen verlor, wegen einem nicht funktionierenden Schloss. Noch heute triggern mich Handtücher und alte Heizungen. Manchmal bleiben Impressionen hängen, deren man nie habselig sein wollte.

Ich liege hier, neben dir, und wir führen dieses Gespräch. Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich, dass es mir möglich ist, einem Menschen diese vermeintliche Handvoll Vertrauen entgegenzuwerfen. Wir kennen einander kein ganzes Jahr, aber wenn ich mich jemandem mitteilen möchte, dann küre ich dich, mit mir dieses Grauen zu teilen. Es ist etwas, das dich schockieren würde - nicht so, wie es mich schockierte, aber du hättest es nie von mir erwartet. Von diesem oder jenem, aber nicht von mir. Ein Feuer ist meine Seele, ein Optimismus mein Körper und eine Konfettitüte mein Geist. Zu oft habe ich dieses Gespräch mit dir geführt, neben dir liegend, doch nur in Gedanken. Jetzt ist der Moment gekommen.

„Möchtest du wieder einschlafen oder darf ich dir etwas erzählen?“, frage ich dich restlos verunsichert. Du bist wach. Liegst eingekuschelt neben mir. Aber du reagierst nicht.

Ich liege neben dir, will mit dir dieses Gespräch führen.
Du ahnst nicht.
Ich drehe mich herum.
Weine Kullertränen.

„Ach, vielleicht ist die Zeit doch noch nicht reif, dich mit Gewalt und Entsetzen zu konfrontieren.“, denke ich mir und habe das seit Jahren überfällige Gespräch liegen lassen.

Wunschlos.
Waffenlos.
Wehrlos.

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Das Gastspiel

13.02.2010, 20:02 Uhr | in Allgemeines | 1 Kommentar

„Hör auf damit, ich will es nicht hören!“ wirfst du mir halb wütend, halb lustigmachend an den Kopf. Es klingt beschuldigend.

Gestern Nacht um zwölf Minuten vor Mitter riefst du mich an. Mein Telefon klingelte. Deine Frage wäre gewesen, ob du die Reste vom Vorabendessen aufessen dürftest, doch ich ging nicht ran und erfuhr es nicht. Stattdessen wuschest du sogar die Auflaufform anschließend ab. Statt mit dir ein, zwei, drei Sätze zu wechseln, lag ich im fremden Bett eines Unbekannten. Ich lag da, er lag da. Er lag auf deiner Seite, ich lag auf meiner Seite. Er lag da, wie du daliegst, ich lag in deinen Armen. Nein, in seinen. Nachdem wir einen gemütlichen, aber streckenweise schweigsamen Abend miteinander verbracht haben, während du arbeiten gewesen bist, legte er gespielt spontan und für mich ungespielt überraschend seine Hände auf meine wollwintermantelbedeckten Hüften und küsste mich. Woran er war, war unklar. Ich spielte meine Rolle unübertroffen gut: Sei schlau, werd dumm! Für ihn spielte ich das junge dumme Blondchen, neben dir brauchte ich mich als intelligente Rothaarige nie verstecken.

So standen wir da, mitten auf diesem riesigen Platz an einer belebten Straße und es war mehr schlecht als recht. Ich schaute mich um, fühlte mich wie auf einem Präsentierteller, schlussendlich erlöst von seiner Frage, ob ich noch auf einen Tee mit zu ihm kommen würde. Perplex von dieser Forschheit ging ich mit, er wohnte eine halbe Straße weiter.
Und so muss ich immer wieder staunen, wie durchschnittliche Studentenzimmer aussehen: Holzmöbel, nur das Nötigste, bilderleere weiße Wände. Das einzige, was mir spontan in dieser Wohnung gefiel, waren weder er noch die Katze seiner Mitbewohnerin, sondern die abgeschliffenen und unlackierten alten Holztüren. Keine halbe Stunde sollte dauern, wofür du mehr als einen Monat gebraucht hast: Wir lagen im Bett. Angezogen und einander völlig fremd, aber im Bett. Ich musste daran denken, wie pingelig aufgeräumt dein Fußboden, ja eigentlich dein gesamtes Zimmer einschließlich Mülleimer, ist. Ich musste daran denken, wie du mich an unbilligen Tees Teil haben lässt. Ich musste daran denken, wie besorgt je nach Besuch du deine Bettwäsche auswählst. Und ich musste sogar daran denken, dass ich all jenes im dortigen Chaos vermisste wie die Tatsache, in seinem Arm zu liegen, aufzuschauen und statt deines im Schlaf so beschützenswerten Profils gänzlich ungewohnt blonde Wimpern, blaue Augen und einen anständigen Dreitagebart zu entdecken. Kuss! Ja, es war, wie mit dir im Bett liegend einen beliebigen Film zu sehen: Mädchenkörper rechts, Männerkörper links, Arme umeinander. Wenn ich aufblickte, wollte ich dein Gesicht erblicken, wenn ich ihn küsste, galten meine Gedanken dir, wenn mein Mund die Bartstoppeln an seinem Hals wahrnahmen, erwartete ich dein Parfum. Nichts von alledem.

Gegen zwei machte ich mich auf den Heimweg, bedankte mich für den Tee und den Abend, gab brav und großzügig Abschiedsküsse und versicherte, dass die gegebene Telefonnummer auch die meinige ist. Wie ich die Treppe herunterhüpfte, erinnerte es mich an jenen, den ich vor dir hatte, dessen Frau ich sein wollte. Du hast ihn mir ausgeredet, aber das ist eine andere Geschichte. Ich erinnerte mich, zwei nach zwei am Platz meiner Uni vorbeigeschlendert zu sein, kurz nach drei lag ich abgeschminkt und geputzt im Bett, du nur wenige Meter entfernt. Zunächst war ich stutzig bei meiner Heimkehr deine Hausschuhe zu erblicken, denn dies ist für gewöhnlich ein Zeichen, dass du außer Haus bist, doch dein Schlüssel steckte. Zu gern hätte ich dir einen Gutenachtkuss auf die Wange gedrückt, aber nein! Diesen Triumph gönnte ich dir nicht. Selbst diese Annahme wäre falsch gewesen.

Als ich dir heute Nachmittag von meiner Begegnung erzählte, machtest du dich zunächst über alles Amüsante, das ich dir erzählte, lustig - wie ich es wollte. Erst in deinem Raum beschrieb ich dir, warum ich deinen Anruf nicht rechtzeitig wahrnehmen konnte: Das Telefon in der Tasche, die Tasche an der Tür und ich im Bett. Böse schautest du mich an. Der Grund, warum ich hergekommen war, wäre genau und nur an dieser Stelle passend gewesen, wie für den Moment geschaffen: Als ich dort lag und ihn ansah, ich wollte dich sehen. Als seine Hand auf meinem Rücken war, sollte es deine sein. Als ich das Nichts an seinem Hals fand, wollte ich dein Parfum schnuppern. Als er mich küsste, küsste ich dich. Doch diese Gedanken blieben, wo sie waren. In meinem Herzen. Du verstandest: Ich+er+Bett.

„Hör auf damit, ich will es nicht hören!“ wirfst du mir halb wütend, halb lustigmachend an den Kopf. Es klingt beschuldigend.

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